Rechts „by mistake“

Die Logik von rechtspopulistischen Parteien ist einfach wie erprobt: sprich gesellschaftliche Missstände an, definiere eine_n Schuldige_n und verknüpfe alles Übel mit dem Sündenbock, alle Lösungen mit dessen Vertreibung.

Das ist leicht, banal und steht dabei jenseits jeder gesellschaftlichen und politischen Realität.

Trotzdem – Rechtspopulistische Strömungen in ganz Europa verzeichnen Zuwächse, Alltagsfaschismus und Diskriminierung werden wieder salonfähig und die Radikalisierung von Terminologie und Ausdrucksweise wird gesellschaftlich akzeptiert, toleriert und repliziert.

Bevor sich aber überhaupt die Frage nach den Gründen dieser Entwicklung stellen lässt, muss die Funktionsweise dieses Prozesses betrachtet werden, unter den Voraussetzungen, dass (1) nicht alle Menschen die sich zu Rechtspopulisten hingezogen fühlen automatisch dumm sind und (2) politische Verbundenheit und Wahlverhalten nicht notwendig das Ergebnis einer rationalen Reflexion der eigenen Haltung sowie der zur Wahl stehenden Wertesysteme sind.

Dabei nehmen wir die frühzeitige Ideologisierung und die reflektiert Überzeugung – die es gibt, wenn sie auch nur durch eine Trennung von ratio und humanitas zu Stande kommen kannt, die den Kern beider bis zur Unkenntlichkeit entstellt – aus und konzentrieren uns auf die Menschen, die sich im Wahlakt oder im Leben zum Rechtspopulismus bekennen „by mistake.“

Jene Menschen nämlich, denen, aus der Minderheits- und Oppositionsposition heraus, durch die permanente und mantraartige Ansprache der immer gleichen Themen, die aber tatsächlich mit hoch priorisierten Arbeits- und Lebensbereichen korrelieren, glaubhaft gemacht wird, dass sie von Parteien aus dem rechten Spektrum gut vertreten werden.

Der Rechtspopulismus wirkt dabei auf zwei Ebenen:

(1) Er legt den Finger auf die gesellschaftlichen Wunden und spricht die Dinge an, die den Menschen am nächsten gehen. Dabei wird gesellschaftlicher Leidensdruck und Unzufriedenheit nicht nur ausgesprochen, sondern durch das Versprechen einer fiktiven Alternative erst als Idee geschaffen, die soziale Spannungen und Konflikte propagandistische verschärft. Er entwickelt latente und diffuse gesellschaftliche Unzufriedenheiten zu manifesten, die sich auf kreierte Feind- und Hassbilder fokussieren und so kollektivierend und radikalisierend wirken.
Und das alles in höchst emotionalisierten Debatten, die keinen Spielraum für Argumentation und Überzeugen offen lassen – sie disqualifizieren die Rationalität kategorisch.
(2) Er bietet Lösungen. Kurzschlüssige und unwahre Auswege aus der fiktiven Leidenssituation die er selbst suggeriert, um sich als Heilsbringer zu positionieren und als Befreier von den „Schuldigen“. Dabei bietet der konkrete Feind gegenüber dem systemischen jenen Vorteil, dass er fass- und erklärbar ist, sich einfach kommunizieren lässt und die Potentialität einer physischen Konfrontation in sich trägt.
Er bietet also die Möglichkeit der Entladung jener diffusen und latenten Unzufriedenheit, die durch den Rechtspopulismus strukturell verschärft wird – und das für jede_n Einzelne_n.

Das alles wirkt entlastend. Entlastend in Bezug auf das eigene Wertesystem, die eigenen Überzeugungen und das eigene Leben. Es befreit von der eigentlichen Komplexität der Welt. Diese Befreiung befriedigt insofern, als dass Schuld und Verantwortung nicht länger inhärent, sondern als extern begriffen werden können und sich letzlich, personell fassbar, auf alle Lebensbereiche übertragen lassen, ohne die mühsame Reflexion und Adaption der eigenen Position zu verlangen.

Diese Befreiung ist ein trügerische, verlangt sie doch den Rückschritt aus der eigenen Selbstverantwortung in die doktrinistische Bestimmtheit durch das entwickelte Freund-Feind Schema. Nichts desto weniger aber, spricht dieser Prozess das menschliche Bedürfnis nach Verständlichkeit und Fassbarkeit an, das trotz – oder gerade wegen – der zunehmenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Komplexität weiterhin Bestand hat.

In dieser konkreten Bedürfnisbefriedigung liegt ihre Stärke und ihre Gefahr.

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