Europa und Philosophie? Ein Kommentar zu Ulrich Becks „Das deutsche Europa“

36418110zMit seinem Buch Das deutsche Europa trifft Ulrich Beck den Zahn der Zeit, dabei bleibt er aber in der Konsequenz genauso wenig bissig wie stichhaltig. Zwar werden ganz richtig und ordentlich die neuen Probleme Europas zusammengefasst, dabei kommt der Autor aber leider nur unwesentlich über den Erkenntnisgewinn einer aufmerksamen Zeitungslektüre hinaus.

Neue Probleme, neue Herausforderungen, neue Bruchlinien, neue Machtverhältnisse – soweit nichts Neues. Und dann die Philosophische Betrachtung: Nietzsche darf als erster ran und wird sogleich als guter Europäer ins Feld geführt. Er, der, wenn man Horkheimer Glauben schenken darf, dem Nationalsozialismus – ganz unabhängig von den Inhalten – zumindest die Begrifflichkeiten für Ihre absurde und menschenverachtende Ideologie in die Hand gegeben hat, gerade deshalb, weil sie seine Philosophie nicht halb verstehen konnten. Gerade er, der scheinbar alles, nur nicht seine Verantwortung in der Zeit verstanden hatte, soll jetzt zum ersten Advokaten Europas werden? Man muss die Nietzscheanische Philosophie und die Geschichte wohl nicht einmal halb verstanden haben um gerade dieses Dynamit noch einmal in die Flammen eines instabilen Europas zu werfen.
Aber auch seinen argumentativen Begleitern Hegel und Schmitt ergeht es nicht viel besser. Fest steht: Herr Beck will Hegel und nicht Schmitt. Lieber den Weltgeist in seiner unumstößlichen Vernunft und bloß nicht die individuelle Kraft des Einzelnen gegen die Regel im Angesicht der realen Anforderung. Zumindest ist man in der Distanz zu Schmitt immer auf der sicheren Seite – das mag sich wohl auch der Autor gedacht haben. Aber dann Hegel: Wer aber genau und wie genau und – das am wenigsten – wann genau, verrät die Lektüre nicht so recht. Weder der Herr Beck noch sein großer Hegel will sich durch Konkretisierungen allzuweit aus dem Fenster lehnen. Man wusste es beim Weltgeist nicht, bei der klassenlosen Gesellschaft nicht und für die EU… schwierig. Fest steht: es wird sich alles fügen, die Welt kommt zur Vernunft und wird sich im Angesicht der globalen Herausforderung als kollektive Risikogesellschaft begreifen. Schade nur, dass die Welt mit Ihrem Geist weder denkt, noch begreift, noch verändert. Zumindest das sollten wir aus dem kalten Krieg gelernt haben. Bedauerlicher Weise muss scheinbar auch das allervernünftigste durch das Nadelöhr des einzelnen Individuums hindurch. Das lästige Individuum, das sich Freund und Feind erdichtet und so die schöne Geschichte der Verwirklichung vernünftiger Verhältnisse immer wieder verdirbt.
Danach kommt Machiavelli, der seit seinem Il Príncipe schon einiges ertragen musste, gerade weil seine analytische Großleistung mit dem teleologischen Geschwafel seiner Vorgänger verwechselt wird mit dem er radikal zu brechen versuchte. So bringen seine Kategorien occassionevirtú und neccesità keine Ideale in die Welt, sie versuchen lediglich zu ordnen was er im jahrelangen Staatsdienst und in politischen Krisen denen er nicht zuletzt zum Opfer gefallen ist, erfahren und gelernt hat. Daraus reimt er sich scharfsinnig Ratschläge für die Mächtigen zusammen. Insofern kann Der Fürst als eine der ersten Großleistungen des political consulting verstanden werden. Der Becksche Merkiavellismus ist anders. Der Neologismus kommt im Gegensatz zu seiner philosophiehistorischen Referenz über den argumentativen Zirkel nicht hinaus, dass Machterhalt und Machtgewinn nur unwesentlich und indirekt an ethische Aspekte geknüpft sind, d.h. PolitikerInnen an der Macht nicht vordergründig die ethischen Konsequenzen ihrer Entscheidungen im Blick haben. Ob sich der/die PolitikerIn diesen Umstand vorwerfen lassen muss, ist zumindest fragwürdig, zumal heute auch niemand mehr die Existenz des homo oeconomicus im marktwirtschaftlichen Kontext ernsthaft als ethisch verwerflich bezeichnen würde.
Abschließen dann der strahlende Held aller Demokratietheoretiker: Rousseau. Der Franzose, der durch sein bloßes Erscheinen auf den aufgeklärten Leser schon beruhigend wirkt. Seine Theorie: Ein Gesellschaftsvertrag, der nicht das schlechteste im Menschen verhindert wie bei seinem britischen Widersacher, sondern vielmehr das Beste des Einzelnen und dadurch der Gesellschaft hervor bringt, indem er den Menschen kultiviert. Der edle volunté générale, der allen Gerechtigkeit widerfahren lässt, alle politisch ernst nimmt und der es in seiner überschwänglichen Romantik der Gesellschaft erlaubt als eine Einheit, als ein Wille aufzutreten. Nur ist Europa nun leider weder an einem Ort vor aller Zeit, noch ist es das Genf des 17. Jh. Das R. bei seinen Ausführungen im Sinn hatte. Damals nämlich, als noch wirtschaftlich und sozial starke Städte und nicht wie heute, der Flächenstaat das politische Geschehen bestimmten, dachte man noch anders über Demokratie, Macht und Herrschaft. Und auch die Bedeutung der Demokratie, die damals schon nicht vom citoyen zu trennen war ist wohl nur schwer vergleichbar. Außerdem stand bei aller Verbundenheit mit der Selbstbestimmung der Masse  schon für den alten Franzose fest, das größere Gebiete schon aus logistischen Gründen wohl am besten durch die Monarchie zu beherrschen seien.
Insofern hat schon Rousseau erkannt, dass die bloße Entfesselung der Masse keine adäquate Antwort auf die politischen Herausforderungen der Gesellschaft sein kann. Und auch wenn der Ansatz von Herrn Beck Europa endlich von unten, vom Bürger her, zu denken ein überaus erfrischendes Moment beinhaltet, bleibt die Legitimation einer Politik, die sich jenseits aller Institutionalisierung durch ihren direkten Zugang zum Individuum in Sicherheit glaubt ebenso wenig legitimiert wie der entfesselte Markt, der sich hemmungslos auf das Leben eines jeden einzelnen auswirkt. Der volunté des tous ist eben noch kein volunté générale. Ein Problem, das nicht nur Herr Beck, sondern auch die Piraten noch nicht einmal als solches begriffen haben und das obwohl sich kluge Menschen seit Jahrhunderten darüber den Kopf zerbrechen. Doch was schert uns die Geschichte wenn es darum geht die Gegenwart zu gestalten? Wer hat den schon die Zeit…
Aber zurück: nach seinem Ritt durch die Philosophiegeschichte will uns Herr Beck zwar Europa schmackhaft machen, ohne dabei aber den Gedanken des Nationalstaat preiszugeben. Stattdessen zieht er sich, wie so viele vor ihm, auf das schizophrenen Individuum, den kompromisshaften Mehrebenen-Bürger zurück, ohne ihm die Vision einer postnationalen Organisation der Gesellschaft zuzutrauen. Der latente Nationalismus, gipfelt in der reaktionären Behauptung „Die jungen Europäer definieren sich zunächst über ihre Nationalität und dann über Europa“ womit er das Grundproblem der europäischen Integration einmal mehr in ihre theoretische Form gießt und wider Willen dazu beiträgt, die bestehenden Verhältnisse zu manifestieren. Allem Fortschritts und Europa-Enthusiasmus zum Trotz scheint Herr Beck nicht verstanden zu haben, dass wir für ein neues Europa auch neue Menschen brauchen – Menschen, die politische Kollegialität und Solidarität von regionaler Verwaltung zu trennen verstehen und die sich zu allererst als Europäer verstehen.
Link zum Buch: http://www.suhrkamp.de/buecher/das_deutsche_europa_6286.html
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